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Aus Kapitel 1:
Standardscheiß
„Bautz!“ – und schon hatte Goldmann die Faust in der Fresse. Metallisch schmeckendes Blut, geplatzte Lippe.
Die Faust gehörte einem gescheitelten Schleimer, der schon den ganzen Abend rumgeprotzt hatte. Das war Goldmann extrem auf die Nerven gefallen. So sehr, dass er und der Schleimer sich erst mit Blicken, dann mit Worten und schließlich mit Getränken bekriegt hatten. Goldmann hatte diesem miesen Arschloch seinen Cuba Libre über den dunkelblauen, gestreiften Anzug gekippt. Er hatte noch nicht ganz „Du Banker-Wichser, du verweichlichter Gnom“ zu Ende gedacht, als es schon einschlug.
Er hatte den Gnom unterschätzt. Wahrscheinlich nahm der Typ Stunden in Kijuzu, Shaifotzu oder wie das alles hieß. Goldmann rieb sich das Gesicht und stellte sich vor, wie sein Gegner nach Feierabend in den Sportklub fuhr. Dort ließ er sich von Kerlen, die genauso beschränkt waren wie er, dafür aber wesentlich muskulöser, für viel Geld zum Schwitzen bringen.
„Wahrscheinlich träumst du davon, Männerschweiß von Gymnastikliegen zu lecken“, dachte er, als er sein Gegenüber fixierte. Der zog sich gerade sein verschissenes Jackett zurecht und wischte am Revers triumphierend die Schlaghand ab. Dabei schaute er in die Runde und schien enttäuscht, dass kaum einer der Gäste die Auseinandersetzung beobachtet hatte. Vielleicht war es den Anwesenden einfach nur peinlich mit anzusehen, wie sich zwei Männer jenseits der Vierzig prügelten.
Es passte auch nicht zu dieser Party, zu dem Projekt, das hier begossen wurde, und nicht zu den Kontoständen der meisten Leute im Loft. Ab 250.000 in der Schweiz überlässt man körperliche Auseinandersetzungen anderen. Boxern vielleicht, oder SM-Huren.
Goldmann passte sowieso nicht hierher und dementsprechend benahm er sich. Er war eher aus Versehen hier. Man sah es an seinen Billigklamotten, an der Art, auf die er sein Glas hielt und wie er zu gierig trank. Es war etwas Geschäftliches, ein Grundstücksdeal, bei dem er sein Elternhaus vollkommen überteuert an einen Baukonzern verscheuert hatte. Die Stadt brauchte Parkplätze. Es war wie in den 80ern.
Goldmann leckte sich die Lippen und kam wieder etwas runter. „Ich könnte jetzt einfach gehen und fertig“, schoss es ihm durch den Kopf. „Was interessiert mich dieses Arschloch?“
„Ich mach dich fertig“, stieß er hervor. „Warte nur! … Eines Tages. Wenn du mir das Geld nicht rechtzeitig, dann …“ Es wurde immer peinlicher. Dieser kleine Schleimer von der Bank hatte mit der Zahlung an ihn über-haupt nichts zu tun und aus der Härte des ersten Schlags zu folgern, würde wenn, dann nur er fertig gemacht werden. Immer und immer wieder. Er brauchte so einen Scheiß nicht und seine Männlichkeit würde er, das er-kannte er gerade noch rechtzeitig, hier und jetzt nicht retten können.
Goldmann drohte also routiniert mit der Faust, um seinem schwachsin-nigen Gestammel Nachdruck zu verleihen, drehte sich um und begann die angrenzenden Räume nach Josha abzusuchen. Josha hatte ihn begleitet und amüsierte sich anscheinend köstlich. Er hatte sie jedenfalls den ganzen Abend über nicht gesehen.
Als er sie schließlich entdeckte, musste er zweimal hinsehen. Josha stand an den DJ gelehnt und ließ ihre Augen, deren Pupillen deutlich erweitert waren, ziellos durch die rauchgeschwängerte Luft schweifen. Das erstaunte Goldmann nicht so sehr. Josha warf sich ständig irgendwelches Zeugs ein und hatte einen radarmäßigen Sinn dafür, auf jeder Party genau die Menschen zu finden, die die Taschen voll mit Tabletten, Tütchen, Tapes hatten. Was ihn wirklich umhaute, war, dass das überbezahlte DJ-Bürschchen Bossa auflegte, gemischt mit Barjazz und Reggae. Josha hasste eigentlich alles, was nicht aus England kam, oder Skandinavien. Musika-lisch zumindest.
Bei der Wahl ihrer Stecher war sie nicht so wählerisch. Wie oft hatte Goldmann das zufriedene Stecherlächeln irgendwelcher Typen aus Hannover, Brasilien oder South Carolina beim Frühstück über sich ergehen lassen müssen. Josha hatte kein Problem damit, ihre Affären dem hängen gebliebenen Lebensrentner und WG-Genossen zu präsentieren: frischgebumst und blöde lächelnd. Goldmann hatte damit ein Problem. Aber das würde er schön für sich behalten. Es gab Grenzen.
Spätestens jetzt schwante es Goldmann, dass dies so gar nicht sein Tag war. Er suchte Joshas Blick, fand ihn und bedeutete seiner Langzeit-Mitbewohnerin mit zwei durch die Luft laufenden Fingern, dass er jetzt gehen würde. Josha nickte kurz, drehte sich weg und betrachtete anscheinend interessiert ein Cover, das ihr ihre neueste Eroberung vor die bepuderte Nase hielt. Goldmann wusste, wer morgen mit ihm am Frühstückstisch sitzen würde.
Er leckte seine aufgeplatzte Lippe, sah sich noch einmal um und ging zur Garderobe. Dieser ganze Standard-Klischee-Scheiß ging ihm unheimlich auf den Sack.
Draußen fühlte er kurz in sich hinein. Müde – nicht müde? „Nicht müde“, warf sein Körperautomat aus, aber auch keinen Bock mehr auf Party. Was also tun?
Was lag näher, als sich noch einmal das Haus anzusehen, in dem er auf-gewachsen war? Wenn man das so nennen konnte. Es war nicht weit, zwanzig Minuten vielleicht, und die Luft würde ihm gut tun. Erinnerungsfetzen an seine Kindheit drängten in sein Bewusstsein: Paris-Urlaub, die Schläge seines Vaters, schon wieder Blutgeschmack.
Das Haus stand schwarz. Ringsherum hatten sie begonnen, die Bäume zu fällen. Karl, der Käfer, wurde nicht gefragt. |