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Messer
Das ist die Höchststrafe, jedenfalls in einer Gesellschaft, in der die Todesstrafe abgeschafft wurde: eine Dienstreise mit Isidora Blahnik, einer unserer Geschäfts-führerinnen, nach Österreich an den Wörthersee.
Die Blahnik hat in München an der Journalistenschule studiert, und weil sie Ulf Poschardt kennt oder mal gefickt hat oder was auch immer, hält sie sich jetzt für eine der absolut maßgeblichen – wenn auch bislang viel zu wenig beachteten – Stimmen, was die deutsche Medienlandschaft anbelangt.
Na, meinetwegen. Soll sie doch. Wer in einer dieser vom Zusammenbruch be-drohten tristen Großraumbuden in Berlin sitzt und seine Texte für belanglose Verbrauchermagazine zusammenschmiert, kann gewisse psychische Deformatio-nen wohl nicht vermeiden, allein schon um Depressionen vorzubeugen.
Aber mit ihr nach Klagenfurt reisen zu müssen, in einem BMW, an dessen Steu-er sie sich mit krampfhafter Lässigkeit festkrallt? Und aus dem CD-Player tänzelt einem auf Zehenspitzen Ballett-Musik entgegen? („Ich liebe Ballett! Ich habe in Moskau mal ... und dann durfte ich noch einen hingerissenen Bericht für den ‚Rheinischen Merkur’ ...“) Du meine Scheiße!
Zumal der Kunde, das wusste ich, alles andere als ein leichter Fall war. Vielmehr war er ein größenwahnsinniger, egomanischer Patriarch, der sich als Hersteller von Messern einen Namen von internationaler Geltung gemacht hatte – in seiner Branche, versteht sich. Sonst kannte ihn kein Mensch. „Messer-Fritz“, so nannten wir ihn bei uns in der Agentur. Er wünschte sich, dass wir für ihn – eigentlich ja für sein Unternehmen, aber richtiger ist in seinem egomanischen Falle die Formulie-rung „für ihn“ – einen Image-Film herstellten, in dem wir der Welt zeigten, welch hohe Kunst das Herstellen, Verpacken und Verkaufen von Messern darstellte. Ob man mit diesem Messer hauchzarte Filets tranchieren oder jemandem ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden wollte – mit den guten Groeber-Messern war man in jedem Fall gut bedient.
Hätten Sie Lust zu so einem Trip gehabt?
Vom ersten Augenblick an war festzustellen, dass es zwischen mir und Fritz K. Groeber hakte, da konnte die Blahnik sich die Mundwinkel aufreißen mit ihrem extrabreiten Lächeln. Es nützte alles nichts. Messer-Fritz war ein gealterter Self-made-Beau mit schlohweißen Haaren und halb offenem Hemd, mit widerspensti-ger Wolle auf seiner faltig-braunen Brust und einem signierten Udo-Jürgens-Porträt in Andy-Warhol-Manier hinter sich an der Wand. Und ich wurde aus ihm so schlau wie aus einem koreanischen Hochzeitsgedicht. Worauf unser Herumge-rede überhaupt hinaussollte, habe ich bis heute nicht begriffen.
Obwohl ich wegen einer heraufziehenden Erkältung die ganze Zeit hustete, kam er nicht auf den Gedanken, mit dem Kettenrauchen aufzuhören; er öffnete gerade einmal für ein paar Minuten das Fenster seines Büros, als ich darum bettelte, dabei aber steckte er sich schon die nächste Zigarette an. Nein, er war niemand, den man sich als Vater gewünscht hätte!
Das eigentliche Problem war aber, dass Groeber einen Narren an meinem Vorgän-ger gefressen hatte, an Didi, der allerdings unserem Laden „zu unser aller Bedau-ern“ (so stand’s in der E-Mail an unsere Kunden) den Rücken gekehrt hatte, um sich bei einem Software-Unternehmen als Marketingberater die Taschen zu füllen.
(Die Sache lief dann allerdings anders ab; Didi begann zu koksen, verließ seine Freundin, kam mit einer attraktiven Praktikantin unter tragischen Umständen nach zahllosen Verwicklungen doch nicht zusammen, entpuppte sich obendrein als Marketing-Guru ohne Fortüne und bekam, gewissermaßen als Zusammenfas-sung dreier anstrengender Monate, den Stuhl vor die Tür gestellt. Aber das nur nebenbei, als Fußnote auch zu unserem Laden.)
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