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Aus Kapitel VIII. An den Quellen des Salzflusses:
„Es müssen Hunderte sein. Vielleicht Tausende!“
„Sie sind krank, genau wie uns belastet sie das Graue Licht.“
„Gibt es einen Weg um sie herum?“
„Im Osten ist der Fluss. Wir können nicht durch. Sein Wasser enthält zu viel Salz für uns. Wenn es zwischen unsere Schuppen kommt, entzündet sich unsere Haut. Im Westen, dort wo du weit hinten die Bäume siehst, Mik-cha, ist ein Sumpf. Da gibt es keinen Weg auf dem wir vor ihnen fliehen könnten.“
„Was bleibt?“
„Krascha sagt, wir gehen zurück bis zum Kanu. Dort überschreiten wir mit den Booten den Fluss und gehen auf der anderen Seite nach Norden.“
Mihai schüttelte den Kopf. Zurück? Wieder einen halben Tag durch diese Salzwüste rennen? Oder eher noch, bei ihrem mittlerweile bedeutend geringeren Tempo, einen ganzen Tag? Nur um unten am See den Fluss zu überqueren und dann, auf der anderen Seite, wieder einen Tag nach Norden zu wandern? „Wer sagt uns, dass sie nicht auch am anderen Ufer sind? Haben wir dann noch die Kraft auch diese zu umgehen?“
Schora und Krascha verständigten sich kurz und leise. Die zwei und Snark schienen momentan noch die kräftigsten der Krex zu sein. Es war „nicht mehr weit“ bis zu den Salzquellen und dem Wald dahinter, im Norden, ihrem Ziel. Diesmal allerdings konnte Mihai das „Nicht-mehr-weit“ relativ deutlich abschätzen, da dieser Wald von ihrer Position aus zu erkennen war, in etwa sechs Kilometern Entfernung.
Der Zustand der Krex war Besorgnis erregend. Ihr Marschtempo war auf menschliches Niveau herabgesunken und so waren Karen und Mihai abgestiegen und nebenher gelaufen. Besonders die halbwüchsige Kora litt unter dem Salz und der deutlich stärker werdenden Macht des Grauen Lichtes. Sie hatte am späten Vormittag angefangen zu taumeln. Kurz darauf waren alle auf der Kuppe eines kleinen Hügels aus dem allgegenwärtigen Salz erstarrt und hatten sich eilends zurückgezogen. Die vor ihnen liegende Ebene bis zu den Quellen des Salzflusses war übersät mit Tausenden Tentakelhunden. Deren Greifarme reckten sich wie eigenständige Wesen in die Luft, griffen nach unsichtbaren Feinden, schlugen wahllos nach allen Seiten aus oder rollten sich wie in Zeitlupe zusammen, um sich danach genauso langsam wieder zu entfalten. Die Grong standen nicht sehr dicht, zwischen den einzelnen Tieren war viel Platz, fünfzig, vielleicht siebzig Meter. Nicht genug auf einer spiegelglatten, vegetationslosen Ebene, um unbemerkt an ihnen vorbeizukommen. Ab und an stieg ein kläglicher Grong-Schrei in den Himmel, zitterte dort wie die heiße Luft über dem Salz und wurde vom gleichmäßigen Wind davongetragen. Es war nicht zu erkennen, weshalb sich die Grong auf der Ebene versammelten.
„Sie gehören nicht hierher. Sie leben in der Steppe, einzeln. Die Grong sind keine Herdentiere.“ Mühsam kamen Schora die Worte über die Echsenlippen, fiebrig glänzten ihre Augen. „Hier in der Salzwüste lebt nichts!“
Nein, ihren großen Reptilienfreunden ging es wirklich nicht gut. Den beiden Menschen hatte der Marsch über die Salzwüste ebenfalls zu schaffen gemacht. Trotz des ungesunden Lichtes vom staubgrauen Himmel breitete sich eine drückende Hitze aus. Dieser glühende Hauch und das in alle Poren dringende Salz hatten auch den beiden Menschen auf der sechsstündigen Wanderung übel mitgespielt. Die Hitze und der gleichmäßige Wind, der ihnen staubfeines Salz ins Gesicht blies, hatten ihre Lippen aufplatzen und rissig werden lassen, ihre Haut ausgetrocknet und ihre Augen entzündet. Da half auch der Echsentee nicht viel, mit dem sie ohnehin sparsam sein mussten.
Nach Schoras Aussage befanden sich die Quellen des Flusses auf dieser Ebene, kurz vor dem Wald, welcher sich ununterbrochen fast bis zum Berg des Schattenherrn hinziehen würde. Nach dem Wald kämen die Grenzheide und ein Vegetationsgürtel, den die Echsen erschauernd „Wald des Schattenherrn“ nannten. Aber genauere Informationen konnten die Menschen nicht aus ihren Freunden herausbekommen. Sei es, dass diese entweder nichts wussten oder eher, wie Mihai vermutete, aus Furcht nichts sagten. Wie dem auch sei, sie mussten sich mit den Worten Schoras zufrieden geben: „Ihr werdet es sehen!“
Aber zwischen ihnen und dem Wald lagerte eine schier unübersehbare Menge Grong.
„Wir können nicht zurück, Schora. Weder ihr noch wir würden das schaffen.“ Karens Stimme hörte sich an wie das kraftlose Krächzen einer alten, schimpfenden Elster.
Schoras Zustimmung brauchte mehrere Sekunden und die Rücksprache mit Krascha. „Zurück geht nicht, die Grong umgehen können wir nicht. Wir stecken fest. Bleibt nur der Weg hindurch?“
Keiner antwortete. Hindurch? Mitten zwischen Tausenden Tentakel-hunden hindurch für fünf, vielleicht sechs Kilometer? Verzweifelt suchten ihre Augen nach einer Stelle, an der die Grong nicht allzu dicht standen. Es war den Tentakelhunden deutlich anzusehen, wie sie unter der Wüste und dem Licht litten. Hier und da war eines der Tiere in die Knie gegangen und röhrte kläglich. Träge bewegten sich ihre Fangarme. Von der Effizienz und Schnelligkeit der Tötungsmaschine, die sie vor ein paar Tagen im Wald angegriffen hatte, war nicht viel geblieben, fast konnte Mitleid mit den leidenden Kreaturen aufkommen. Aber es waren Tausende vor ihnen und fünf oder sechs Kilometer zu überwinden. Und dabei durften sie auch nicht vergessen, dass ihre eigene Gruppe ebenfalls geschwächt war.
Snark krächzte etwas und wies mit der Klaue nach vorn. Etwa einhundert Meter rechts von ihnen schien ein Spalt in der Masse der fast pferdegroßen Tentakelhunde zu sein, eine Ausdünnung entlang einer Linie, die bis zum Wald reichen könnte. Krascha reagierte mit Zischen, ihr Bruder antwortete unwillig.
„Was ist? Worüber unterhalten sie sich, Schora?“
„Snark sagt: Eine Ablenkung ist nötig, damit der Spalt breiter wird.“
Verständnislos sahen sich die beiden Menschen an. Ablenkung?
„Der Sohn vom Klügsten ist noch immer beschämt wegen der Schläge gegen Ka-ri und Mik-cha. Er sagt, er will die Grong ablenken, zusammen mit Schrak. Wenn die Ablenkung läuft, dann haben wir mehr Zeit, den Wald zu erreichen.“ Schora schwieg einen Moment. „Das ist keine gute Idee. Die Chancen für Snark und Schrak sind schlecht, sehr schlecht.“
Karens Reaktion war sehr heftig. „Sag ihnen, wir wollen das nicht! Er muss sich nicht für uns opfern!“
Krascha reagierte mit einem unwilligen Zischen in Karens Richtung, bevor Schora fertig übersetzt hatte. Die Tochter des Hüters ließ den Kopf hängen, flüsterte fast, als sie erklärte: „Das ist nicht eure Entscheidung, sagt Krascha. Wenn Snark dies will, wenn es seine Ehre gebietet, dann muss er es tun. Er hat euch gefangen, er hat euch geschlagen und mit dem Messer bedroht. Ihr habt durch ihn gelitten, geblutet. Jetzt ist die Zeit für ihn gekommen, etwas für euch zu tun.“
Die Menschen bekamen hier das erste Mal offen etwas von den Wertevorstellungen der Krex mitgeteilt. Sein Fehlverhalten musste Snark tiefer getroffen haben, als die Menschen bisher vermutet hatten. Deshalb war Snark bereit, sein Leben für ihres zu opfern. Und das war ein sehr hoher Preis für ein paar Schläge mit blutender Nase und aufgeplatzten Lippen. Wie hoch musste die Wertschätzung der Krex ihnen gegenüber sein, dass die Ehre von Snark dieses von ihm forderte? Karen lief ein Schauer über den Rücken, als sie begriff: Noch immer hatte sie ihre eigene Rolle unterschätzt. Versagten sie beide, dann starb hier womöglich alles, die gesamte Ebene der Erde. Und – die Prophezeiung der Urmutter hatte davon gesprochen – der Schattenherr wollte über die Schwelle. Wohin? Zu anderen Ebenen. Zu ihnen nach Hause?
Dies war also nicht ihre Entscheidung, hatte Krascha ihnen zu verstehen gegeben. Sie hatten es hinzunehmen, wenn Snark und Schrak sich opfern wollten. Und sie konnten gar nichts dagegen tun. Hilflos sah Karen mit an, wie die beiden Krex ihre gesamte Ausrüstung mit Ausnahme der Speere und Messer ablegten und sich vorsichtig zurückzogen.
Mit einem kurzen Aufruf rannte sie ihnen hinterher. Snark blieb stehen und sah der Menschenfrau entgegen. Unbeholfen blieb sie vor ihm stehen. Sollte sie etwas sagen? Ein paar pathetische Worte zum Abschied? Etwas, was in die Geschichtsbücher der Krex einging? Ihr fiel nichts ein, er würde sie auch nicht verstehen, denn seine Frau – sagte man so bei den Krex? Seine Frau? Wie wenig sie wussten – lag oben auf dem Hügel und beobachtete die Grong. Sie hatte sich nur mit einem kurzen Stups ihrer beider Nasen verabschiedet. Scheu legte Karen ihre Arme um den gewaltigen Oberkörper der Echse und drückte ihn. Komm wieder!
Sacht streichelte Snark ihr über den Rücken. Dann wies er auf den Berg des Schattenherrn, der bedrohlich nahe gerückt war in den letzten Tagen. Dort kannst du was für uns tun. Mache es gut!
Karen nickte, drehte sich um und schlich langsam auf den Hügel zurück.
Mihai hatte sie beobachtet. Als er jetzt Tränen in ihren Augen sah, drehte er sich wieder den Tentakelhunden zu. Ihm ging durch den Kopf, wie wenig sie eigentlich die großen, eleganten Echsen kannten. Zwar hatten sie in den Tagen seit ihrer Gefangennahme schon einen gewissen Einblick erhalten, aber um das Wesen der Krex zu begreifen, würden wohl mehrere Jahre nicht ausreichen. Wie gut konnte man ein Volk von Wesen, die sich so sehr von den Menschen unterschieden, in einer Woche kennenlernen? Schon die Völker der Menschen kennenzulernen, erforderte, wenn man sich bemühte, viele Jahrzehnte. Und die Krex unterschieden sich von den Menschen weitaus mehr als die Deutschen sich von den Huaorani-Indianern Südamerikas – zumindest biologisch.
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